The Voice           

„Welch ein Gesang! Stellen sie sich eine Stimme vor, die die Anmut der Flöte mit der lebendigen Gewandtheit des menschlichen Kehlkopfes verbindet – eine Stimme, die  hüpft und springt, leicht und spontan, wie eine Lerche, die durch die Luft fliegt und von ihrem eigenen Flug berauscht ist; und wenn es scheint, als hätte die Stimme den erhabensten Gipfel erreicht, beginnt sie von neuem, hüpfend und springend, immer noch in gleicher Höhe und mit der gleicher Spontaneität, ohne den geringsten Ansatz von Druck oder das kleinste Anzeichen von Künstlichkeit oder Anstrengung; in einem Wort, eine Stimme, die den unmittelbaren Eindruck der Empfindung in Klang verwandelt.“

So schrieb Enrico Panzacchi im 19. Jahrhundert über die Kastratenstimme.

 

Der Mythos dieser Stimmlage ist bis heute ungebrochen. Seit Jahrzehnten forschen Wissenschaftler auf der ganzen Welt nach den Spuren der „Stimme der Engel“. Da es nur eine einzige Tonaufnahme des letzen Kastraten des Vatikans Alessandro Moreschi aus dem Jahr 1904 gibt, und diese aufgrund der mangelhaften tontechnischen Qualität wenig aussagekräftig ist, sind wir auf Berichte von Zeitgenossen angewiesen.

Wie unvergleichlich und bezaubernd diese Stimme aber auch gewesen sein muss, den Preis, den die Betroffenen dafür zahlen mussten, war menschenunwürdig und grausam.

In einem barbarischen Akt der Verstümmelung wurden tausende Jungen ihrer Männlichkeit beraubt. Ohne auf stimmliche Eignung oder musikalisches Talent zu achten, ließen besonders arme Familien ihre Söhne kastrieren, in der Hoffnung finanziell von ihnen zu profitieren.

Aber nur die wenigsten Opfer dieser Praktik konnten mit ihrer Stimme nach der Pubertät Geld verdienen, wenn sie die Kastration überhaupt überlebten, und nur etwa eine Hand voll gelangten zu Weltruhm.

 

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